Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen

(gemeinsam mit Deutschland, Frankreich, Italien, Slowenien und der Schweiz)

Kapitel 1.0

Funde unter Wasser

Pfahlbauten Computerrekonstruktion
Pfahlbauten Computerrekonstruktion

Auf den ersten Blick ist es ein verborgenes Erbe, die Stätten finden sich kaum sichtbar am Grund von Seen, an Flussufern oder in Mooren. Für die Forschung und damit für das Verständnis jungsteinzeitlichen und metall- zeitlichen Lebens sind sie von herausragender Bedeutung. An keinem anderen Ort der Welt können Wissenschafterinnen und Wissenschafter die Kultur, Wirtschaft und Umwelt der frühen Agrargesellschaften so detailliert erforschen. Pfahlbau-Fundstellen an sich sind keine Touristenattraktionen, sie sind vielmehr Archive, die es uns ermöglichen, die Entwicklung des Alpenraums der letzten 6000 Jahre nachzuvollziehen. Umso größer ist ihre Bedeutung für die Umwelt- und Geschichtswissenschaften.

Wie alles begann

Funde unter Wasser
Funde unter Wasser

Der Wasserstand des Zürichsees war außergewöhnlich niedrig im Winter 1854/55, diese Ge- legenheit nutzte man für Arbeiten zur Landgewinnung. Dabei stieß man auf Holzpfähle, Keramik- scherben und andere Siedlungs- reste. Der Schweizer Archäologe Ferdinand Keller erkannte, dass diese Funde aus prähistorischer Zeit stammten, und entwickelte in den folgenden Jahren eine Pfahlbautheorie. Inspiriert von Berichten aus der Südsee ging er von auf Plattformen über dem Wasser errichteten Siedlungen aus. Seine Entdeckungen fanden weltweite Beachtung und lösten an vielen Seen rund um die Alpen eine Suche nach weiteren Dörfern aus. Die Pfahlbauten stießen auch auf öffentliches Interesse, beflügelten die Fantasie und fanden ihren Niederschlag in der Kunst und der Literatur. Erforscht wurde eine große Zahl von Siedlungen: bis heute wurden an die 1000 Fundstellen im Alpenraum wissenschaftlich erfasst. Diese Forschungen zeichnen ein differenziertes Bild: neben im Wasser errichteten Siedlungen wurden Pfahlbauten am Ufer oder in Mooren errichtet. Hier ist von Feuchtbodensiedlungen die Rede. Herausragend ist der wissenschaftliche Wert der Funde: sie sind ein weltweit einzigartiges Archiv, das es ermöglicht, die Entwicklung von der jungsteinzeitlichen bäuerlichen Gemeinschaften hin zu metallzeitlichen Gesellschaften über einen Zeitraum von etwa 4000 Jahren zu studieren.