Die Kulturlandschaft Fertö-Neusiedler See

(gemeinsam mit Ungarn)

Kapitel 6.1

Bernstein und Weihrauch: Harze mit Weltgeschichte

In den kargen Landschaften Arabiens wächst ein bis zu 8 Meter hoher Baum, dessen Harz seit Urzeiten von großem Wert ist: Weihrauch. Schon die alten Ägypter verwendeten es zu kultischen Zwecken und bei der Mumifizierung. Seine desinfizierende Wirkung war bereits im Altertum bekannt. Den Wert von Weihrauch lässt die biblische Erzählung von den Gaben der drei Weisen erahnen: Gold, Weihrauch und Myrrhe waren Geschenke für einen künftigen König. Vom 3. Jahrhundert vor Christus bis zum 2. Jahrhundert nach Christus kontrollierte der Nomadenstamm der Nabatäer den Handel mit Weihrauch. Sie brachten das kostbare Harz von Südarabien durch die Wüste Negev zu den antiken Häfen am Mittelmeer. Der Geschichtsschreiber Diodor (1. Jh. v. Chr.) schrieb: „Sie übertreffen die anderen arabischen Stämme bei weitem an Reichtum, … denn nicht wenige sind gewohnt, Weihrauch und Myrrhe und auserlesene Gewürze zum Meer zu bringen …“. Einen Abschnitt dieses uralten Handelsweges hat die UNESCO 2005 in die Welterbeliste aufgenommen. Ein Harz ganz anderer Art findet sich an der Ostseeküste: Bernstein, fossiles Harz von Kiefern, die vor mehr als 30 Millionen Jahren dort wuchsen. Bernstein findet sich in manchen Braunkohlefeldern, wird aber – insbesondere nach Sturmfluten – auch aus versunkenen Lagerstätten an den Strand gespült. Seit Urzeiten gilt Bernstein als Symbol von Luxus und Macht. Er war begehrt als Schmuck und als Zaubermittel und findet sich bereits in jungsteinzeitlichen Gräbern. Der bedeutendste Handelsweg für dieses Luxusgut war die Bernsteinstraße: Sie führte von St. Petersburg die Ostseeküste entlang, dann nach Süden. Bei Carnuntum überquerte sie die Donau, den Neusiedler See, den Alpenostrand, und endete schließlich in Venedig. Die Römer befestigten diese Straße von Italien bis nach Carnuntum, sie wurde zur Staatstraße.

Die Wüste Negev
Die Wüste Negev