Die Kulturlandschaft Fertö-Neusiedler See

(gemeinsam mit Ungarn)

Kapitel 5.3

Schutz für Biodiversität: Welterbe und Umwelt

Ein ganz besonderes Erbe der Menschheit ist die Vielfalt des Lebens. Lebewesen und Lebensräume können nicht rekonstruiert, ihr Verlust kann nicht ersetzt werden. Doch die Vielfalt ist weltweit bedroht, vor allem durch die Veränderung und Zerstörung von natürlichen oder über Jahrhunderte gewachsenen Lebensräumen. Die internationale Staatengemeinschaft hat daher auf dem Umweltgipfel in Rio de Janeiro 1992 dem Schutz der Biodiversität einen vorrangigen Stellenwert eingeräumt. Das Welterbe Fertö-Neusiedler See ist für den Schutz der Biodiversität von doppelter Bedeutung. Die Vielzahl an Lebensräumen bedingt eine hohe Artenvielfalt. Für die Vogelwelt ist das Gebiet darüber hinaus von gesamteuropäischer Bedeutung. Auf ihrer Reise von Norden nach Süden und zurück rasten hier zehntausende Zugvögel, das Gebiet ist für sie Trittstein. Mit der Bewahrung dieses Gebietes kommt Österreich auch seinen internationalen Verpflichtungen zum Schutz der Feuchtgebiete und der Vogelwelt nach.

Vögel in der Luft
Vögel in der Luft

Die Vogelfauna des Neusiedler Sees ist weltberühmt: An die 300 Vogelarten wurden beobachtet. Etwa 150 davon brüten hier, unter ihnen bis zu 700 Silberreiher- Paare. Der Neusiedler See ist das größte bekannte Brutgebiet der Welt für diese Art. 40% der europäischen Vogelarten können hier beobachtet werden. Ins- besondere während des Vogelzuges im Frühjahr und Herbst finden sich riesige Vogelschwärme am See. Bis zu 35.000 Gänse machen im Winter hier Rast. An Entenvögeln rasten hier Brandgans, Löffel-, Schnatter-, Pfeif-, Krick-, Spieß-, Tafel-, Reiher- und Knäkente sowie Gänse- und Zwergsäger. All diese Vögel brauchen den See. Der Schutz dieser Lebensräume ist damit von europäischer Bedeutung. Österreich hat entsprechende internationale Vereinbarungen unterzeichnet. Der Schutz der Vögel ist auch der Grund für Maßnahmen zur Lenkung von Besucherinnen und Besuchern: Viele Vögel besitzen eine große Fluchtdistanz und würden massiv gestört, wenn ihnen Menschen ständig zu nahe kommen. Daher ist es so wichtig, die Vögel von den Wegen und Aussichtswarten aus zu beobachten. Geht man näher heran, fliegen die Tiere auf und verbrauchen für sie lebenswichtige Energie. Ein gutes Fernglas ermöglicht viel bessere Ansichten als der Versuch, sich anzupirschen.

Graurindherde
Graurindherde

Biodiversität heißt Vielfalt auch bei Nutztieren. Der Erhalt der einst im Seewinkel lebenden, an die Region angepassten Tiere, ist ein eigener Schwerpunkt. Hier lebende Tiere konnten (und mussten) das ganze Jahr über im Freien verbringen und die klimatischen Besonderheiten dieser Gegend (heiße trockene Sommer und kalte Winter) ertragen. Viele dieser Tierrassen, die einst die Landschaft prägten, sind vom Aussterben bedroht. Am Neusiedler See wurde für einige der früher hier lebenden Tierrassen wieder eine Heimat geschaffen. Sie gehören ebenfalls zum Welterbe. Dazu zählen das Ungarische Steppenrind, der Wasserbüffel, die Weißen Esel und das Przewalskipferd. Das weiße bis hellgraue Steppenrind mit den riesigen Hörnern ist ein typisches Fleisch- und Zugtier: Groß und schwer (bis zu 900 kg), anspruchslos, kam es vor mehr als 1000 Jahren aus dem Osten bis ins Burgenland. Mit den modernen Transportmöglichkeiten wurden Ochsenwagen überflüssig, die Rinderrasse verlor an Bedeutung und starb fast aus. Weniger als 200 Tiere zählte man vor wenigen Jahrzehnten. Heute leben im Seewinkel 450 dieser seltenen Haustiere.

Gutsbesitzer in der Donaumonarchie hielten sich Weiße Esel. Sie haben hellblaue Augen und ein gelblich- weißes Fell, sind also keine Albinos (die hätten rote Augen!), sondern eben hell gefärbte Tiere. Gezüchtet wurden sie im 17. und 18. Jahrhundert, die Bezeichnung „Barock-Esel“ verweist darauf. In dieser Zeit galten weiße Pferde als Lichtbringer, sie standen für das Gute. Damals wurden Lipizzaner vor die Kaiserkutschen gespannt. Es war daher nahe liegend, auch Weiße Esel zu züchten – nicht als Arbeitstiere, sondern als Spielgefährten für adelige Frauen und Kinder. Weltweit gibt es wohl nur mehr 150 bis 200 dieser Tiere. Am Neusiedler See leben etwa 30 von ihnen. Als Teil der natürlichen Vielfalt und des kulturellen Erbes werden sie hier für die Nachwelt erhalten. Mangalitzaschweine besitzen, anders als die meisten Hausschweine, ein Haarkleid mit Unterwolle – daher auch die deutsche Bezeichnung „Wollschweine“. Noch vor 50 Jahren war das Mangalitzaschwein die in Ungarn vorherrschende Schweinerasse, anspruchslos und geschätzt wegen der dicken Fettschicht, aus der die Bauern und Hirten Speck und Schinken erzeugten. Doch fettes Fleisch kam aus der Mode. Ende der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts war diese Schweinerasse bis auf wenige hundert Tiere verschwunden. Am Neusiedler See hat diese Tierrasse eine Heimat gefunden.