Die Kulturlandschaft Fertö-Neusiedler See

(gemeinsam mit Ungarn)

Kapitel 4.1

Ungarn und Österreich – Zusammenleben am See seit 900 Jahren

Erst die Magyaren errichteten im 11. Jahrhundert einen dauerhaften Staat und eine Verwaltung, die über Jahrhunderte den See und das Umland prägte. Die Siedlungen am Westufer des Sees (Rust, Fertörakos) gehen auf Gründungen im 12. und 13. Jahrhundert zurück. Ab dem 13. Jahrhundert wanderten deutschsprachige Siedlerinnen und Siedler ein. Da die Region von der Tatareninvasion verschont blieb, entwickelte sie sich kontinuierlich bis zu den Türkenkriegen. Als die Türken 1529 Wien belagerten, wurde auch die Region Fertö-Neusiedler See verwüstet. In den folgenden Jahrzehnten wurde das Land mehrmals zerstört, und Pestepidemien entvölkerten das Land. Kroatische Siedlerinnen und Siedler wurden ins Land gerufen, sie bauten die Siedlungen wieder auf. Bis heute bilden sie die zweitgrößte Volksgruppe der Region. Die mittelalterlichen Befestigungen von Rust, Oggau oder Purbach wurden verstärkt. 1681 wurde Rust zur Freistadt – ein Zeichen für das Erstarken der Region. Die Stadt hatte sich ihre Freiheit erkauft, unter anderem durch den weithin bekannten Wein, der nachweislich seit dem 14. Jahrhundert in der Umgebung angebaut wird. Rust grenzt einerseits ans Ufer des Sees und andererseits an die Weingärten der Hügel am Westufer des Sees.

Bis heute bestimmt die hohe Stadtmauer die Siedlungsstruktur der Stadt. Mit seinen Kirchen und Plätzen, den alten Bürgerhäusern und nicht zuletzt den Storchen- nestern auf den Rauchfängen zieht Rust hunderttausende Besucher- innen und Besucher an. Rust ist eine der Siedlungen, die entlang einer Straße den See umgeben. Am Westufer zählen Mörbisch, Rust, Donnerskirchen und Neusiedl dazu, im Osten Podersdorf, Illmitz und Apetlon. Dieser Ring setzt sich in Ungarn fort, mit Fertörakos, Balf oder Sarrod. Die bis heute sichtbare Siedlungsstruktur – geschlossene Ortschaften und dazwischen unbesiedeltes Land – ist Jahrhunderte alt. Nur die Gemeinschaft der Siedlung bot auf dem flachen Land Schutz vor Überfällen. Im 18. Jahrhundert entdeckten Adelige die Schönheit des Landes. Zwei der führenden ungarischen Adelsfamilien errichteten riesige Barockschlösser im Süden des Sees: Nagycenk und Fertöd in Ungarn sind Teil des Welterbes.

Der Zerfall der Monarchie und der Eiserne Vorhang nach dem Zweiten Weltkrieg teilten zwar die Region, die Verbindungen blieben jedoch lebendig. Ein ganz besonderes Symbol dieser Verbindung ist die knapp außerhalb des Welterbegebietes liegende Brücke von Andau im Seewinkel. Über die kleine Brücke gelangten 1956, während des Aufstandes gegen das kommunistische Regime, über 70.000 Ungarn und Ungarinnen nach Österreich. 1989 wurde in der Nähe von St. Margareten beim so genannten „Paneuropäischen Picknick“ Geschichte geschrieben. Der Eiserne Vorhang öffnete sich zum ersten Mal. Wenige Monate später fiel die Berliner Mauer. Seither „wächst zusammen, was zusammen gehört“, auch in der Region Fertö-Neusiedler See.